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Boiling Frogs
verfasst von: DinaBrandt am 19.04.2007, 19:06 Uhr
sicherheit 
Der jüngste Beschluss des Bundeskabinett, die EU-Richtline zur Vorratsdatenspeicherung in deutsches Recht umzusetzten und damit die Telekommunikationsunternehmen zu verpflichten, für ein halbes Jahr Nummern, Zeiten und Standorte, sowohl bei Telefon- wie auch Internetverbindungen zu speichern, ist ein weiteres Grad mehr, mit dem der Topf erwärmt wird, in dem wir sitzen.

Uns geht es nämlich nicht anders wie den bekannten Fröschen, die, wenn man sie in einen Topf mit kochendem Wasser wirft, einfach wieder herausspringen. Wenn man sie aber in einen Topf mit kaltem Wasser setzt und das Wasser dann langsam erhitzt, kann man sie schön genüßlich zu Tode kochen. Das Wasser in Deutschland ist inzwischen gefühlte 86 Grad. Aber froschgemäß fällt es keinem auf.

Das Argument hier ist natürlich die Innere Sicherheit. Die Terrorbedrohung scheint im Moment alles zu rechtfertigen. Gerade Innenminister Schäuble (aber nicht nur er) dreht ganz langsam die Temperatur hoch. Die ZEIT hat einmal zusammengestellt, in welchen Bereich bereits jetzt, aber vor allem zukünftig unsere Sicherheit "befördert" werden soll. Der Übersichtlichkeit halber habe ich diese Darstellung hier einmal zusammengefasst:

 Thema Heute Geplant Kommentar
 Rasterfahndung  bisher nur Ländersache, mit zweifelhaftem Erfolg auch Bundeskriminalamt  Rasterfahnung nur bei konkreter Gefahr; Bundesverfassungsgericht: Terrorgefahr zu unkonkret
Speicherung der Fingerabdrücke  Ab 2007 Speicherung für Reisepässe; sollen aber nach Aushändigung des Passes wieder gelöscht werden; systemtische Speicherung dazu kommen bereit 4 Mio. gespeicherte Daten des BKAs;
 Vernetzung der Passdaten  Passgesetz verbietet Weitergabe der Daten an andere amtliche Stellen  Vernetzung aller gespeicherten Daten Keine informationelle Selbstbestimmung (wer hat welche Daten von mir?) mehr möglich
 Daten aus LKW-Maut  Daten nur zur Mautermittlung, keine Weitergabe der Daten an andere Stellen  Auswertung zur Verbrechensbekämpfung
 Online-Durchsuchungen  Bundesgerichthof hat Onlinedurchsuchungen wegen Art. 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung) untersagt  Online-Durchsuchungen ohne Zustimmung der Betroffenen sollen möglich sein Änderung des Grundgesetzes nötig
 Präventive Telefonüberwachung  größtenteils (Ländersache) nur zur Aufklärung von Strafsachen möglich  Präventive Abhörmaßnahmen  Bundesverfassungsgericht: Gefahrenlage muss konkret und wichtige Gemeinwohlbelange betreffen (Nichtigerklärung eines entsprechenden niedersächsischen Gesetzes)
 Großer Lauschangriff  Überwachung nur bei schweren Straftaten; sofortiges Beenden der Überwachung bei privaten Gesprächen  Möglichkeiten sollen erweitert werden; BKA soll auch das Recht bekommen  Bundesverfassungsgericht hat dem Großen Lauscchangriff enge Grenzen gesetzt; das GG müsste warhscheinlich geändert werden
 Weitergabe von Flugdaten  Fludaten, Hotels, Reisepläne werden an US-Behörden weitergegeben; Abkommen läuft Mitte 2007 aus  dauerhafte Lösung; US-Behörden dürfen Daten 30 Jahre speichern  Europäischer Gerichtshof hat eine EU-Regelung wegen mangelnder Rechtsgrundlage für rechtswidrig erklärt
 Vorratsdatenspeicherung Handys dürfen zur Aufklärung schwerer Verbrechen oder bei Lebensbedrohung geortet und Rechnungen eingesehen werden  Speicherung von Verbindungsdaten für ein halbes Jahr; Verbot von Anonymisierungsmitteln Art. 12 GG schützt das Fernmeldegeheimnis
 Bundeswehr im Inland  Amtshilfe im Katastrophenfall  Einsatz bei der Terrorbekämpfung und Objektschutz (Stadien bei Fußball-WM) Grundgesetz müsste geändert werden;
 Flugzeugabschuss  Bundesverfassungsgericht hat grundsätzlich eine solche Abwägungsmöglichkeit zwischen Leben derjenigen im Flugzeug, und möglichem bedrohten Leben durch Selbstmordattentäter als rechtswidrig ausgeschlossen  Bundeswehr soll von Terroristen entführte Flugzeuge abschießen können  "Twin-Tower-Syndrom"; es soll als eine Art "Verteidigungsfall" möglich sein
Anti-Terrordatei  Seit März 2007 Vernetzung der Daten aller Sicherheitsbehörden   Verstoß gegen Trennungsgebot von Verfassungsschutz und Polizei; Entscheidung des Bundesverfassungsgericht steht aus; Wer einmal verdächtig ist (und es nicht weiß), hat keine Chance, jemals aus dem System genommen zu werden, oder?
Kronzeugenregelung  seit 1999 gibt es die Regelungen nur für "kleiner" Drogendelikte; eine größerer Lösung wurde nach 10 Jahren Laufzeit als zu unpraktikabel und nicht zielführend nicht verlängert  Wiedereinführung  Praxis hat bereits erwiesen, dass die Kronzeugenregelung nicht funktioniert

Ganz offensichtlich wird hier ein Netz gesponnen, das umfassender nicht sein kann. Big Brother lässt sich hier leicht bemühen. Studenten aus Potsdam haben anlässlich der beschlossenen Vorratsdatenspeicherung mit einfachen Mitteln dargestellt, was das bedeutet. Statt dass wir einen gläsernen Staat bekommen, bei dem wir Bürger erkennen können, wer welche Macht hat und was beschließt, werden wir Bürger selbst gläsern. Hierzu gibt es auch eine schöne Broschüre des AStAs der FH Münster.

Das Argument, "Das kann mir doch egal sein, ich habe nichts zu verbergen", ist natürlich in keiner Weise haltbar. Schon heute ist es beispielweise kaum möglich, mit einer bestimmten Krankengeschichte eine Versicherung zu bekommen - weil alle mit allen vernetzt sind. Es lassen sich beliebige Szenarien (Mörder mit HIV: Rasterfahndungen bei allen Schwulen! Reiserücktrittsversicherung abschließen - Abfrage über Reiseverhalten der letzten 5 Jahre!) Heute muss ich wenigstens noch um Erlaubnis gefragt werden. Das wird zukünftig immer seltener der Fall sein.

Von Kollateralschäden, wie z. B., dass die Kosten, die die Vorratsspeichern den Telekommunikationsunternehmen verursachen werden, auf die Verbraucher abgewälzt werden, wie das Handelsblatt feststellt, ganz zu schweigen.

Das Schlimme an den beschlossenen Maßnahmen ist aber, dass noch keiner den Beweis erbringen konnte, dass sie wirklich zu Terrorbekämpfung beitragen. Sicher hingegen ist, dass sie den Bürger entmündigen und den Staat in eine Position versetzen, die den Bürgern nur schaden kann. Davon profitiert vor allem eine Gruppierung: die islamistischen Terroristen. Sie sind ausgezogen, die liberalen westlichen Gesellschaften zu bekämpfen. Ironischerweise helfen unsere Politiker ihnen bereitwillig dabei.

Den Grünen liegen Frösche bekanntermaßen sehr am Herzen. Wir wollen hoffen, dass dies auch in der Zukunft so sein wird. Wenn nicht, wird es nämlich nicht nur aufgrund der Klimakatastrophe in Deutschland bald sehr heiß.


Kommentare

Darstellung Reihenfolge
von Boche
am 19.04.07, 14:15

Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass die Geschichte mit dem Frosch, der im langsam erhitzten Wasser sitzen bleibt, nur eine Legende ist.

Schön wäre es, könnte man das von den Tendenzen auch sagen, die ihr hier sehr übersichtlich zusammengestellt habt.


sind wir nicht alle ein bischen .... quaaack
von JochenHelmschmidt
am 19.04.07, 16:16
es mag ja intellektuell sehr befriedigend sein, dass auf diversen Internet-Seiten und Zeitungskommentaren die Gefahren analysiert werden, die aus dem Überwachungswahnsinn des Wolfgang Schäuble resultieren. (By the way: der gute Mann führt nur das fort, was unter Schily von einer rot-grünen Bundestagsmehrheit begonnen wurde) Aber unterscheiden wir uns denn wirklich von den beschriebenen Fröschen, denen es angeblich nicht auffällt, wenn man den Topf langsam erhitzt? Vielleicht fällt es den Fröschen ja auf und sie analysieren die Situation genauso messerscharf wie wir - nur: SIE SPRINGEN NICHT! Ist nicht die Zeit des Analysierens vorbei? Ist es nicht höchste Zeit zu handeln? Doch wie?? Was meint Burkhard Hirsch, wenn er schreibt: "nun ist Widerstand geboten". In welcher Form? Darüber sollten und müssen wir uns Gedanken machen und zwar KONKRET

Taten statt Worte
von DinaBrandt
am 20.04.07, 23:13

Es stimmt schon, die Fakten sind schon lange auf dem Tisch. Aber nun die Frage: Was für Handlungsmöglichkeiten gäbe es denn? Ich wäre an KONKRETEN Vorschlägen interessiert.


Brainstorming
von NikolausHoenning
am 25.04.07, 23:00

Würde vorschlagen, dass wir die nächsten Tage nutzen, um hier auf der Kommentarseite Ideen zu verschiedenen Fragen zu sammeln. Wenn wir einiges zusammen haben, können wir den Input in einem Artikel strukturieren, die Argumente bündeln und vielleicht schon konkrete Maßnahmen in die Wege leiten.

Wir sollten uns Gedanken machen zu der Frage, mit wem wir Bündnisse eingehen können und wie wir die Leute am besten erreichen.

Welche Gruppen, welche Organisationen und welche (prominenten) Persönlichkeiten kommen in Frage.

Mit welchen Aktionen oder durch welche Art der Formulierung erreichen wir die Menschen am ehesten, wie schaffen wir ein Bewußtsein für die Problematik.

Also: Frage nicht, was die Grüne Freiheit für Dich machen kann, sondern was Du für die Grüne Freiheit machen kannst ;-)


Ein Vorschlag
von parteisprech
am 25.04.07, 23:25

Gegen die derzeit geplante Vorratsdatenspeicherung (vgl. Entwurf des Kabinetts von letzter Woche http://www.bmj.bund.de/files/-/2047/RegE%20TK%DC.pdf) wird derzeit eine „Massen-Verfassungsbeschwerde“ von einem Berliner Rechtsanwalt zum Bundesverfassungsgericht vorbereitet, die bereits von zig-tausend Leuten unterstützt wird. Da darf keiner fehlen, dem der Rechtsstaat noch etwas wert ist!!!

Diese Verfassungsbeschwerde ist politisch eine Art „Unterschriftensammlung zum Bundesverfassungsgericht“, juristisch aber eine vollwertige Verfassungsbeschwerde; sie wird also im Namen all derjenigen erhoben, die sie unterstützen. Die Unterstützung setzt voraus, dass man den Anwalt zu Vertretung bevollmächtigt. Kosten fallen keine an – auch wenn die Verfassungsbeschwerde verloren geht!!!

Mehr Info’s allgemein zur Vorratsdatenspeicherung unter: http://www.vorratsdatenspeicherung.de

So geht’s: Verfassungsbeschwerde – leicht gemacht:

Lektion 1) Ausfüllen http://www.vorratsdatenspeicherung.de/?/content/view/51/70/ und absenden

Lektion 2) Vollmacht GLEICH ausdrucken

Lektion 3)Vollmacht GLEICH ausfüllen

Lektion 4) und GLEICH wegschicken

Ein kleiner Schritt, aber immerhin.


Noch ein Vorschlag - Freiheitsredner
von JochenHelmschmidt
am 05.05.07, 17:29
Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung hat ein Netzwerk "Freiheitsredner" ins Leben gerufen. Wer sich für eine bessere Balance zwischen Privatsphäre und Selbstbestimmung einerseits und den Kontrollrechten der staatlichen Sicherheitsbehörden andererseits einsetzen möchte. Wer über den Wert von Privatsphäre aufklären möchte und bereit ist, in seiner Region ehrenamtlich Vorträge zu diesem Thema zu halten, ist willkommen, sich diesem Netzwerk anzuschließen. Mehr Infos gibt es hier

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